Reifeprüfung mit 60 Jahren

Natürlich machen wir uns oft was vor in diesem Leben. Und die Aussage “Alles wird gut” gebrauchen wir oft für Menschen, die gerade sehr schlimmes erleben und deshalb “ganz unten” sind.

Vor 2 Monaten, als meine Frau nach massiver Hirnblutung nach der Schädel- Notoperation (jetzt 15 cm lange Narbe oben rechts am Kopf) 2 Wochen regungslos im Koma auf der Intensivstation lag, da sagte ich und mein Sohn und meine Tochter ihr ins Ohr:
“Wir sind hier, wir sind bei dir – hörst du ! – Alles wird gut !

Und als meine Frau dann auf die Intensivstation in Negrar verlegt wurde und wieder wach war und uns erkannte und ganz leise flüstern konnte, da nahm sie meine Hand ganz fest und sagte:
“Du hast mir neulich gesagt – alles wird gut – und das hat mir Mut zum Durchhalten und zurückkommen gegeben”

Als wir vor 2 Monaten “alles wird gut” zu ihr im Koma sagten, da sagten wir uns hinterher natürlich, das es ja garnicht stimmt und zu 95% nicht mehr gut werden kann, aber wir waren uns einig, es trotzdem zu sagen um Ihr Mut zu machen – egal wie es ausgehen wird !
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Heute nach 2,5 Monaten ist meine Frau in Negrar seit 2,5 Wochen auf der “Rehabilitationsstation für Langzeitfälle”.
Dort sind vorwiegend Schlaganfallpatienten und fast alle sind im Rollstuhl und benötigen volle Hilfe.
3,5 Wochen mussten ich und mein Sohn (20) abwechselnd bereits in der Station davor 24 Stunden im Krankenhaus anwesend sein.
Wir haben nachts in einem Klappstuhl verbracht und seit sie in der Reha Station ist “campieren wir auf dem Boden auf einer kleinen Schaumstoffmatratze, die ich von Zuhause mitgebracht habe.
Vor 10 Tagen sagte man uns wir müssen Nachts nicht mehr kommen, weil meine Frau ruhiger geworden ist.

Seit wir nicht mehr Nachts da waren wurde sie aber wieder verwirrter und versuchte Nachts immer wieder aus dem Bett zu kommen um auf Toilette zu “gehen”. Obwohl sie garnicht selbst gehen kann und alle haben dort Windeln an und machen “alles in die Windel”. Sie ist 1-2 mal nachts vor dem Bett auf dem Boden gefunden worden, trotz seitlicher Barrieren (nicht all zu hoch).
Am Mittwoch kam der Anruf von einem Arzt, daß wir jetzt wenigstens Nachts wieder anwesend sein müssen !
Sie haben Angelica auch seit ein paar Tagen im Bett mit einem breiten weißen Gurtsystem angeschnallt, damit sie nicht wieder aussteigen kann.

Angelica redet viel aus der Fantasie heraus und hat oft “keinen Überblick mehr”. Das macht einem doch Sorgen unabhängig davon, daß sie jetzt schwer körperlich behindert ist (linke Seite).
Das kann man bei vielen Patienten auf dieser Sation beobachten.

Seit ich jetzt 2 Wochen auf dieser Langzeit-Reha Station “aus- und eingehe” und im 3 Stock und im Park vor dem Haus fast nur Angehörige ihre behinderten Patienten im Rollstuhl durch die Gegend fahren oder neben ihnen auf der Bank sitzen, habe ich einen “neuen Blickwinkel” zu den Dingen und zum Leben bekommen.

Da ist mein Myelom fast ganz vergessen und nur noch ein Schatten weit hinter mir. Da fühle ich mich dermaßen “gesund”, wenn ich diese “ehlenden und hilflosen Menschen sehe” und auch die betroffenen Angehörigen.
Ich habe schon oft in den letzten Jahren gasagt, solange ich morgens noch aufstehen und selbst auf Toilette gehen kann – solange geht es mir noch gut !
Wenn du dann miterlebst, wie deine Frau seit 2,5 Monaten nicht mehr auf Toilette war und immer in die Windel machen muss, dann wirst du sehr demütig und nachdenklich.

Ich dachte auch immer wenn man Myelom hat ist das nicht mehr zu toppen, aber ich hatte mit meinem Myelom seit 14 Jahren bis auf wenige Tage “gute Lebensqualität” und habe nie in die Windeln machen müssen und konnte jeden Tag (bis auf 1-2 Tage) selbst aufstehen, ins Bad gehen, mich selbst duschen.
Ich habe mir 14 Jahre keine Gedanken gemacht, daß dies selbstverständlich sei oder auch nicht ?

Erst seit 2 Monaten wird mir bewusst, daß wir dieses große Glück der Autonomie und der Selbstständigkeit viel zu sehr als nicht erwähnenswert und normal betrachten.
Wir regen uns auf, wenns unter den Fussohlen gribbelt, während wir ins Bad gehen.

1999 bei der MM Diagnose hat sich meine Welt dramatisch verändert und jetzt durch meine Frau in den letzten 2 Monaten ein zweites mal.
Mit meinem MM hatte ich mich gut arrangiert und habe, man kann fast sagen “Glücklich am Gardasee damit gelebt”. Nach meinen autologen SZTs Ende 2010/Anfang 2011 war ich in guter Hoffnung wieder lange Zeit (viele Jahre) mit guter Lebensqualität am Gardasee zu verbringen, eingebettet in eine sonst gesunde und funktionierende Familie.
Aber jetzt ist der Mittelpunkt der Familie plötzlich aus dem üblichen Leben “herausgebrochen” und die neue Situation macht mir Angst meine restliche Zeit mit dem Myelom ohne Hoffnung nach Vorne zu verbringen.
Auch diese ständige Präsenz im Krankenhaus mit all dem Elend zieht mich runter. Obwohl ich mein MM zur Zeit weit hinter mir als Schatten sehe, macht es mir doch mehr Angst als noch vor 3 Monaten. Ich habe das Gefühl jetzt viel stärker, daß mir die Zeit davonläuft.
Und von “Ereiginsfrei” kann ja durch die Umstände jetzt auch keine Rede mehr sein.

Trotzdem:
Kopf hoch und Nase in den Wind !
Das wünsche ich auch allen, die das gerade lesen.

Ich muss jetzt mit demnächst 61Jahren meine persönliche “Reifeprüfung” machen und vieles neu lernen.

Alles Gute und die besten Wünsche, vor allem denen, die gerade eine Therapie machen und Infektionen überstehen müssen.

Liebe Grüße
Rudi